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Prioritäten in der Produktion?

Donnerstag, 3. Juni 2010

Auftragsschub erzeugt Terminnot. Was tun?

Der Verkauf zog in den letzten Wochen massiv an, die Produktion kommt schon nicht mehr nach. Die Lieferzeiten steigen. Schlimmer noch, zugesagte Termine werden nicht eingehalten. Manchmal liegt es an Zulieferschwierigkeiten, meist aber an den eigenen Steuerungsverfahren. In ihrer Not greifen viele Manager zum Mittel der Priorisierung von Kundenaufträgen. Die wichtigsten Aufträge sollen pünktlich beliefert werden!

Prioritäten können gut oder schlecht sein.

(1) Aufträge so früh wie möglich starten.
Das schafft zeitlichen Spielraum bis zum zugesagten Liefertermin. Wo Engpässe auftreten muss priorisiert werden. Wichtige Kunden und die die sich am lautesten bemerkbar machen, bekommen Vorrang. Harte Zeiten für die Mitarbeiter in Vertrieb, Auftragsabwicklung und Fertigungssteuerung, die täglich mit zu späten Terminen und unzufriedenen Kunden kämpfen. Ein weitgehend aussichtsloses Unterfangen. Prioritäten in der Produktion schaffen immer wieder ein „zu spät“ für viele Aufträge. Die Vorfahrt für einen Aufträge verzögert zwangsläufig viele andere Aufträge.
Bild 1: Viele Aufträge gleichzeitig in der Produktion und damit lange Durchlaufzeiten (“Little’s Law”)

Das ist dann so, wie wenn Sie den ICE von Frankfurt nach Stuttgart gebucht haben und statt einem einzigen kürzeren Halt in Mannheim, der Zug außerplanmäßig schon in Darmstadt hält. Nun müssen Sie aber ganz raus, wichtigere andere Passagiere drängen rein und Sie werden auf den nächsten Zug vertröstet. Irgendwann kommen natürlich auch Sie in Stuttgart an, mit Frust und dem Vorsatz, das kein zweites Mal zu erleben. Kleiner Trost, auch der ICE war zu spät. 

(2) Aufträge so spät wie möglich starten.
Jedem Auftrag wird nur die Zeit zugestanden, die er unbedingt benötigt um pünktlich fertig zu werden. In Boom-Zeiten wächst also der Bestand an offenen Aufträgen. Man kommt also auch hier um Prioritäten nicht herum. Im Unterschied zu (1) jedoch werden sie nur wirksam bis zum Zeitpunkt der tatsächlichen Einlastung in die Produktion. Ab da sind alle Aufträge gleich. Es herrscht das Fifo-Prinzip (First in – first out). Wenn man dieses Vorgehen konsequent praktiziert, verkürzt sich die durchschnittliche Fertigungsdurchlaufzeit. Gleichzeitig steigt die Ablieferpünktlichkeit drastisch. Es sind erheblich weniger Fertigungsaufträge gleichzeitig „in Arbeit“. So erhöht sich die Übersicht, der Steuerungsaufwand sinkt. Das funktioniert umso besser je stabiler die Prozesse laufen. Es setzt die vollständige Verfügbarkeit des Materials voraus – das aber wird nun deutlich später benötigt. Mit diesem Verfahren können frühzeitig verlässliche Liefertermine  ermittelt werden (meist natürlich nicht zum Wunschtermin). Die Liefertreue stimmt. Die Kunden sind zufrieden.
Bild 2: Prioritäten nur vor Produktionsstart – schneller Produktionsdurchlauf und geringes WIP

Prioritäten sind Chefsache.
Aber nicht, wie häufig erlebt, beim Verschieben einzelner Aufträge, auch wenn das auch mal vorkommen darf, sondern so:

  • System umstellen auf „Prioritäten nur vor Produktionsstart“,
  • stimmige Handlungsanweisungen für die Setzung von Prioritäten
    (ist schwierig, wird nicht allen gerecht, reduziert aber den Stress der Beteiligten),
  • nur im Ausnahmefall selbst eingreifen und Prioritäten setzen (aber vor  Produktionsstart!) 

Der „spätest mögliche Produktionsstart“ bleibt auch in der „Boom-Krise“ die beste Strategie. Diesen Weg durchzuhalten erfordert aber ein gehöriges Maß an zusätzlichem Hirnschmalz und Konsequenz.