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Der Bullwhip Effekt – „den Letzten beißen die Hunde“

Montag, 1. März 2010

Was geht uns das heute an? Nun, in ruhigeren Zeiten versteckt sich dieses Aufschaukeln von Schwankungen der Kundennachfrage in Pufferbeständen oder -kapazitäten. Jetzt, wo es wieder aufwärts geht, reichen diese Puffer nicht. Die Auftragsbücher füllen sich unerwartet schnell. Es entstehen erste Lieferengpässe. Was ist „echt“, was könnte sich als Strohfeuer entpuppen? Schwer zu sagen. Das einzige, was hilft: Schauen Sie auf die Kunden Ihrer Kunden.

  • Wie entwickelt sich die Auftragslage unserer wichtigsten Abnehmer?
  • Was „treibt“ diese Nachfrage?
  • Wie wird stromabwärts (zum Endkunden hin) Material geplant und disponiert?

Mancher Bullwhip Effekt verstärkt sich durch eigene Strategien, interne Prozesse und (Un-)Fähigkeiten. Das kostet Geld und Nerven, die an anderer Stelle sicher besser investiert sind.

Abbildung: Beispiel für Bullwhip Effekt Bullwhip2

Machen Sie die Probe aufs Exempel. Lesen Sie den folgenden Beitrag „Bullwhip“.

Der Bullwhip Effekt

Montag, 1. März 2010

Wertschöpfungsketten geraten häufig „in Schwingung“. Dabei nimmt die Schwankungsbreite der Nachfrage vom Endabnehmer bis zu den Vorlieferanten (stromaufwärts), drastisch zu.

Ursprünglich wurde dieser Peitschen- oder Bullwhip-Effekt gar nicht im Zusammenhang mit Lieferketten beobachtet. Ray Forrester, Professor am MIT, entdeckte dieses Phänomen 1958, als er das Verhalten komplexer Systeme studierte. Allgemein bekannt wurde sein 1961 entwickeltes „Beer-Game“. Es zeigt das Entstehen des Bullwhip Effektes sehr anschaulich. Erst drei Jahrzehnte später wurde der Bullwhip in Lieferketten beschrieben:

Berühmte Bullwhip Fälle: Barilla und Procter & Gamble
Die Firma Barilla SpA, ein Hersteller von Pasta-Produkten in Italien, räumte ihren Kunden Anfang der 1990er Jahre attraktive Preisvorteile ein, falls sie bereit waren, ganze Lastwagenladungen zu kaufen. Daraus entstand ein sehr unregelmäßiges Bestellverhalten der Kunden. Es führte zu zusätzlichen Kosten in der Lieferkette, die höher waren, als die Vorteile der großen Mengen.

Procter & Gamble/Babywindeln: Der Verbrauch von Windeln schwankt relativ wenig und lässt sich gut über Statistiken der Geburtenrate vorherzusagen. Am anderen Ende dieser Lieferkette befindet sich der Hersteller der Klebestreifen, mit denen die Windeln zusammengehalten werden. Er sah sich außerordentlich hohen Nachfrageschwankungen ausgesetzt. Sie waren entlang der Lieferkette entstanden und haben sich von Knoten zu Knoten verstärkt.

Planungsprozesse können Bullwhip erzeugen (Beispiel)
Bullwhip Effekte treten nicht nur über viele Knoten und in langen Lieferketten auf. Anfällig sind auch Produktionsbetriebe mit hintereinanderliegenden Prozessbereichen und ohne durchgängigen One-Piece-Flow. In einem unserer Beratungsprojekte haben wir für ein Produkt eine Verstärkung der Nachfrageschwankungen um den Faktor 30 ermittelt – nur in der Kette zwischen Versand, Fertigwarenlager, Montage, Rohmateriallager und Wareneingang. Gleichzeitig liefen die Auslieferungen an den Kunden und der Nachschub durch die Lieferanten völlig asynchron. Lieferanten erlebten zunächst massiv überhöhte Bestellungen und starke Bedarfsschwankungen. Eine immense Herausforderung und ein sehr risikoreicher, kostspieliger Zustand.

Abbildung: Bullwhip Effekt in einem Produktionsbetrieb
Bullwhip 1

Erläuterung:

  • Es handelt sich hier um die Wertschöpfungskette eines neuen Produktes. Materialbestellungen und Fertigung richten sich nach einem Produktionsplan, der auf optimistischen Verkaufsvorhersagen beruht. Die tatsächlichen Kundenbestellungen fallen jedoch deutlich geringer aus. Über einen Zeitraum von 12 Monaten blieb diese Fehlentwicklung ohne Korrektur.
  • Die blauen Grafiken beschreiben die Übergänge zwischen den Prozessbereichen (graue Pfeile) und zeigen Zeitpunkt und Menge der Warenbewegungen über 52 Wochen.
  • Die blaue Verteilungskurve in den darunter angeordneten Grafiken symbolisiert den Bullwhip Effekt. Ganz rechts steht der Versand an die Kunden mit einer engen Schwankungsbreite der Nachfrage; ganz links die Abliefermengen der Lieferanten. Mengen und Schwankungsbreite sind deutlich erhöht. Man erkennt, dass die Zugangsmengen erheblich höher sind als die Abgänge im Versand. Die überhöhten Mengen gehen auf Defizite im Dispositionsverfahren zurück, die den Bullwhip Effekt überlagern. Es ist absehbar, dass den Lieferanten ein totaler Lieferstopp droht, da die Lager immer voller laufen. Das geschah dann auch.

Die Lieferkette arbeitete im PUSH Modus. Die Produktionsplanung „drückte“ Produkte durch die Montage in ein Fertigwarenlager, aus dem die Bestellungen der Kunden bedient wurden. Nach der Umstellung auf PULL „zog“ ein Kundenauftrag alle Materialien und Aktivitäten zwischen Versand und Wareneingang. Der Bullwhip Effekt war auf den Faktor 3 zurückgegangen. Das Fertigwarenlager war durch den PULL Modus überflüssig geworden.

Typische Ursachen für Bullwhip
Mit diesen Beispielen werden typische Wirkungsmechanismen des Bullwhip-Effekts sichtbar:

  • Lieferketten sind logistische Systeme mit einem hohen Grad an Komplexität. Jeder Knoten in der Kette ist von seinen Nachbarknoten abhängig. Gekoppelt sind sie durch Nachfrage- und Lieferbeziehungen. In der Realität sind diese Knoten eigenständige Firmen mit ihren Kunden und Lieferanten. Jede Firma trifft ihre Entscheidungen unabhängig, meist mit unvollständiger Information. Sie nimmt damit, bewusst oder unbewusst, negative Auswirkungen auf andere Beteiligte in der Kette in Kauf. Unabhängige Entscheidungen in einem abhängigen System führen zu „Schwingungen“ und verstärken die Nachfrage-Schwankungen (Systemtheorie). Je mehr Knoten unabhängig von anderen Knoten agieren, desto prächtiger entwickelt sich der Bullwhip Effekt entlang der Kette.
  • ERP-Systeme haben über ihre eingebauten Algorithmen (z.B. Bedarfsberechnungen mit MRP) eine Tendenz, die Schwankungsbreiten des Bedarfs zu vergrößern.
  • Marketingaktionen oder Verfahrensregeln wie z. B. Mindestbestellmengen. Sie erscheinen aus betriebswirtschaftlicher Sicht vielleicht sinnvoll, in logistischen Systemen wirken sie jedoch als Akkumulationspunkte der Nachfrage. Aus einer täglichen Nachfrage von 10 Stück wird bei einer Mindestbestellmenge von 500 Stück nur alle 50 Tage eine Bestellung (und nachfolgende Lieferung). Alleine dadurch steigt die Schwankungsbreite der Nachfrage erheblich.
  • Bedarfsänderungen, die z. B. auf eine Montagelinie mit konstanter Durchlaufzeit treffen, verursachen Änderungen des in der Linie gebundenen Bestands (WIP). Mit einer um 10 Stück / Tag reduzierten Rate und einer Durchlaufzeit von 4 Tagen sinkt dieses WIP um 40 Stück (Veränderung x DLZ). Umgekehrt verursacht einer Erhöhung der Rate um 10 Stück / Tag, einen schlagartigen Anstieg des WIP um 40 Stück. Diese Menge ist zusätzlich erforderlich, damit die Montagelinie mit der höheren Rate produzieren kann. Änderungen des WIP wirken sich auf die Rohmaterialbestellungen bei den Lieferanten aus. Der Lieferant erlebt eine hohe Nachfrageschwankung, die er (durch eigene Abwicklungsmechanismen verstärkt) an seine Lieferanten weiter gibt.

Alle Aktionen, die Abweichungen von einem regelmäßigen Nachfragemuster erzeugen, leisten einen Beitrag zur Entstehung und Verstärkung des Bullwhip Effektes. Im Alltag können diese Aktionen nicht immer ganz vermieden werden. Es gibt Nachfrageschwankungen oder Prozessschwankungen, die nicht eliminiert werden können. Der Bullwhip Effekt ist also in logistischen Ketten systemimmanent.

Gegenmaßnahmen
Man kann allerdings seine Auswirkungen stark dämpfen und so erhebliche Kapital- und Kosteneinsparungen realisieren. Wichtige Ansatzpunkte sind:

  • Durchlaufzeiten verringern (Wartezeiten eliminieren),
  • One-Piece-Flow und PULL,
  • Vollständige, aktuelle und vorausschauende Informationen über des Status in der Lieferkette,
  • Einfache Struktur der Lieferkette und Blick auf das Ganze (end-to-end).

Der Geisel des Bullwhip entkommt man nie ganz, der Schmerz lässt sich jedoch massiv mildern.

© 2010 Schmid & Wolff

Risiko Aufschwung. Wenn Bestände schneller wachsen als der Cashflow.

Dienstag, 1. Dezember 2009

„Im Aufschwung droht die Insolvenz“ schreibt Ferdinand Dudenhöffer im Handelsblatt (Ökonomischer Gastkommentar am 14.10.2009). Was verbirgt sich eigentlich hinter dieser Befürchtung? Während im Abschwung eine überproportional hohe Reduzierung des in Beständen gebundenen Kapitals eintritt, passiert im Aufschwung das genaue Gegenteil. Das erwischt Unternehmen immer wieder ziemlich unvorbereitet. Dabei ist das eine Art Naturgesetz.

Naturgesetz – Jojo-Effekte in der Bestandsentwicklung
Dieser Effekt lässt sich an einem einfachen Beispiel zeigen. Kunden kaufen ein bestimmtes Produkt. Die ursprüngliche Nachfrage von 10 Einheiten pro Woche erhöht sich zunächst auf 12, dann auf 15 Einheiten. Genau diese Mengen werden vom Produzenten auch hergestellt und geliefert. Dazu benötigt der Produzent Material von einem Lieferanten und dieser wiederum von einem Unterlieferanten. Die angenommene Lieferzeit zwischen Lieferkettenpartnern beträgt jeweils 4 Wochen.
Abbildung 1 zeigt diese Lieferkette:

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Anders als man intuitiv meinen sollte, entwickelt sich die Nachfrage beim Unterlieferanten jedoch nicht synchron, sondern weist abrupte Bedarfsspitzen auf.

Abbildung 2 zeigt den Bedarfsverlauf Kunde/Unterlieferant. Die blaue Kurve zeigt die Entwicklung der Kundennachfrage. Die rote Linie gibt die Mengen wieder, die der Unterlieferant bereitstellen muss, um diese Kundennachfrage zu bedienen. Der Unterlieferant muss erheblich mehr produzieren als zunächst erwartet. Tatsächlich muss der Lieferant den steigenden Bedarf vorwegnehmen; das ignorieren wir hier der Einfachheit halber ebenso wie Kapazitätsrestriktionen.

Blog 14_2

Woher kommt dieser unerwartete Mehrbedarf? Die Ursache ist, dass sich der Querschnitt der Lieferkette um 2, später um weitere 3 Einheiten erhöht. Über die 12-wöchige Lieferfrist zwischen Unterlieferant und Endkunde muss diese Pipeline einmalig aufgefüllt werden: im ersten Schritt werden dazu 24 Einheiten benötigt. In jeder Lieferstufe findet Bestandaufbau statt. In diesem Beispiel erzeugt die Nachfrageerhöhung um 2 Einheiten pro Woche beim Produzenten einen einmaligen Aufbau der gebundenen Bestände um 8 Einheiten; bis zum Unterlieferanten summiert sich das auf 24 Einheiten. Je weiter „upstream“ ein Lieferant sitzt, desto stärker wirkt sich dieser Effekt aus.
Abbildung 3: Einmaliger Bestandaufbau in der Lieferkette (bei 20%igen Wachstumsschub der Kundennachfrage)

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Halbe Durchlaufzeit – um 50% reduzierter Bestandsaufbau
Halbiert sich nun die Lieferzeit auf nur noch 2 Wochen, fällt der Bestandsaufbau in der Lieferkette ebenfalls auf die Hälfte. Bei einem Nachfrageanstieg um 2 Einheiten pro Woche, muss der Unterlieferant statt 24 Einheiten „nur“ 12 Einheiten zusätzlich bereitstellen.
Abbildung 4: Bedarfsverlauf bei einer Lieferzeit von 2 Wochen.

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In der Realität fällt der hier dargestellte Effekt meist erheblich gravierender aus. Zusätzlich zum hier gezeigten Aufbau des Pipeline-Bestandes schlagen weitere Elemente des so genannten  Bullwhip Effekts zu. Ein Beispiel: Wenn Unterlieferanten die Bestellungen ihrer Kunden immer für den tatsächlichen Bedarf halten, stellen sie sich auf eine dauerhaft erhöhte oder reduzierte Nachfrage ein. Wenn sich das dann als Trugschluss herausstellt, entstehen wilde Überschwinger in der eigenen Nachfrage nach Vormaterialien.

Fazit
Ob es sich nur um ein kurzes Strohfeuer der Nachfrage oder einen dauerhaft spürbaren Aufschwung handelt, lässt sich nicht leicht beurteilen. Als Lieferant kennt man seine Position in der „Nahrungskette“. Wenn man dann noch weiß, wie sich der Endverbraucher verhält und wie die eigenen, direkten Abnehmer typischerweise reagieren oder agieren, hat man eine gute Basis für eine realistische Einschätzung und somit zur Vermeidung von Bullwhip Effekten.

Was die drohende Liquiditätsenge durch den Aufbau des Pipeline-Bestandes betrifft, hilft nur eines: Reaktions- und Lieferzeiten deutlich verkürzen. Da geht meist mehr als man auf den ersten Blick glaubt. Ein großer Teil typischer Planungs- und Auftragslaufzeiten sind ohnehin Wartezeiten.

Für Zulieferer ist es wichtig, Abnehmer in unterschiedlichen Branchen zu haben, um das Risiko gleichzeitig auftretender Auf- oder Abschwünge zu vermeiden. Auch das dämpft Bullwhip-Effekte.

Aus Sicht der Unternehmen, die eine steigende Nachfrage ihrer Endkunden erleben, sieht die Welt anders aus. Sie müssten ihre Lieferanten und deren Vorlieferanten schon viel früher motiviert haben, die eigenen Vorräte aufzustocken (“Lageraufbau”). Sonst passiert, was man z. Zt. wieder bei den Herstellern elektronischer Bauteile beobachten kann, in Teilbereichen herrscht Knappheit und die Lieferzeiten steigen. Auch hier helfen gestraffte Produktions- und Lieferabläufe.