Push oder Pull? Produktion lean steuern.

Gibt es in Ihrem Unternehmen Mitarbeiter, die Auftragsterminen hinterherlaufen, vulgo Terminjäger, um Kunden pünktlich beliefern zu können? Wenn ja, lohnt sich das Weiterlesen. Falls nein, weil Sie schon über Industrie 4.0 , die digitale Fabrik und Losgröße 1 nachdenken, bleiben Push oder Pull und Auftragssteuerung wichtige Grundlagenthemen.

Fangen wir am entscheidenden Punkt an. Wo in der Lieferkette schlägt der Kundenauftrag auf? Ganz am Ende im Distributionszentrum, am Anfang vor der Materialbeschaffung oder irgendwo dazwischen? Dort befindet sich der sogenannte „Order-Entry-Point“ (OEP), spätestens ab hier gilt Pull (vom Kunden). 

Push oder Pull? Wenn es um geeignete Verfahren zur Fertigungssteuerung geht, ist es wichtig, sich folgendes klar zu machen: je weiter „upstream“ dieser OEP greift, desto konsequenter lässt sich eine pull-orientierte Steuerung realisieren. Wo Push auf Pull trifft, befindet sich zwangsläufig ein Materialbestand zur Entkopplung der beiden „gegenläufigen“ Lieferkettenabschnitte (siehe Bild 1).

OEP

Bild 1: Kundenauftrags- und Order Entry Point (OEP)

Fertigungssteuerung – ein alter Hut?

Fertigungssteuerung wird häufig als einfach irgendwie vorhanden angenommen. Im SAP-System stehen Fertigungsaufträge mit Mengen und Ablieferterminen, mancher hat ein MES-System im Einsatz. In Produktionsabschnitten mit Serien-Charakter finden sich Teile-Supermärkte und Kanban-Regelkreise. Und als Brücke zwischen Kundenauftrag und Produktion kreisen allzu häufig Terminjäger, die wie Hamster im Rad rennen, um Schwächen in den Abstimmungsprozessen tagesaktuell auszugleichen. Allein an solchen Symptomen erkennt man, dass ein Produktionssystem, trotz IT und vorzeigbarer Lean-Management-Elemente, nicht in Ordnung ist. Eine saubere Gliederung der gesamten Lieferkette in sinnvolle Push-Pull Abschnitte existiert nicht. Dieses Problem findet sich vor allem in Betrieben, die eine große Bandbreite von Produkten in kleinsten bis größeren Auftrags-Stückzahlen beherrschen und (schnell) liefern müssen.

Push oder Pull Verfahren?

Warum überhaupt Pull? Pull signalisiert einen aktuellen Bedarf während Push durch einen Produktions-Plan getrieben ist. Pläne stehen für erwartete Bedarfsmengen, die beispielsweise auf einem Kunden-Forecast oder einer Prognose beruhen. Notwendig wird Push immer dann, wenn die Reaktionszeit der Lieferkette länger ist als die vom Kunden akzeptierte Lieferzeit. Irgendwo muss daher ein Vorrat angelegt werden, um im Bedarfsfall schnell genug handeln zu können. Am OEP trifft der Kundenauftrag auf diesen Vorrat. Idealerweise reicht die Zeit nun aus, um alle offenen Arbeitsschritte zu erledigen und den Kundenauftrag pünktlich zu liefern (siehe Bild 1 und Bild 2).

OEP_PUSH_PULL 1

Push oder Pull? Order-Entry-Point (OEP)

Bild 2: Kundenauftrag, OEP und Push-/Pull-Grenze

Auch wenn es nicht schön ist, selbst unternehmensinterne Lieferketten kommen selten ohne Push Abschnitte aus. Ein Beispiel für eine Push-Steuerung ist das klassische MRP oder ERP – aus errechneten Bedarfsmengen werden Fertigungsaufträge mit Mengen und Terminen, die in ein Lager produziert werden. Dennoch, mehr Pull, ist besser (Bild 3).

 Push oder Pull: OEP

Order-Entry-Point (OEP) – Push-/Pull-Entkoppelung

Bild 3: Mehr Pull, weniger Push

Das bekannteste Beispiel einer Pull-Steuerung ist das Kanban-Verfahren; erst ein leerer Material-Behälter löst den nächsten Fertigungsauftrag aus. Auch über Fortschrittszahlen (Serienfertigung) und andere Verfahren entsteht Pull.

Pull & mehr – lean steuern

Etwas Pull macht noch keine lean gesteuerte Produktion. Ein Blick in die Produktion und hinter die Kulissen zeigt, was lean ausmacht:

  • Das wenige Material, was zu sehen ist, steht am vorgesehenen Platz.
  • Es gibt nur wenige solcher Plätze für Materialpuffer.
  • Fertigungsaufträge werden termingerecht in Lager oder Versand gebucht (ohne dass kurzfristig noch um terminiert wurde).
  • Die Durchlaufzeiten (DLZ) vergleichbarer Aufträge variieren nur mäßig.
  • Auch unter Volllast laufen die Prozesse äußerlich „ruhig“.

Bleibt die Frage, was zu tun ist, um lean zu steuern. Zunächst sollten die nötigen Voraussetzungen geschaffen werden, die beiden wichtigsten:

  • Angepasste, einfache Struktur der Produktions- und Logistikabläufe, mit möglichst wenig Zwischenlagerstufen.
  • Stabile Prozesse in Produktion und Logistik
    (sowie KVP, damit das so bleibt oder besser wird).

Jetzt sollte es gelingen, eine durchgängige Steuerungslogik nach dem Pull-Prinzip zu realisieren. (Der OEP muss nicht notwendigerweise für alle Produkte an der gleichen Stelle liegen.) Beispiel:

  • Produktionsaufträge werden direkt aus aktuellen Kundenaufträgen abgeleitet oder entstehen überwiegend durch Pull-Mechanismen (Kanban, andere Verbrauchssteuerung),
  • Produktionsaufträge werden bestandsgesteuert nach dem Conwip-Prinzip freigegeben und mit stabiler, kurzer DLZ durch die Prozesskette gesteuert.
  • Prioritätsregelung: der terminlich dringendste Auftrag ist der nächste – keine Notwendigkeit von „Chefaufträgen“.
Fertigungssteuerung

Fertigungssteuerung – Push oder Pull?

Bild 4: Durchgängige, pull-orientierte Fertigungssteuerung (Beispiel)

Push oder Pull?

Statt Anlässe für Ausnahmeregelungen zu suchen, sollte konsequent danach gestrebt werden, mit Standardabläufen und über das gesamte Produktspektrum möglichst kurze Durchlaufzeiten zu realisieren. Das zwingt dazu, Prozesse robust und lean zu gestalten, gleichzeitig schafft es neue Spielräume für Pull-Steuerung. Beides bedingt sich gegenseitig. Übrigens ist das ein guter Grund für Lean-Experten und Disposition oder Fertigungssteuerung künftig enger zusammenzuarbeiten. In manchem Unternehmen hapert es da ja noch ein bisschen.

Eine Bemerkung zur Materialbedarfsplanung: Sie erfolgt passend zur Push-/Pull-Steuerung der Produktion. Wo Push vorherrscht, kommt das klassische MRP zum Zug. Das gilt ebenfalls für alle Kaufteile, deren Wiederbeschaffungszeiten nicht innerhalb der Auftragslieferzeit zum Kunden liegen. In allen anderen Fällen bieten sich Pull-Mechanismen an, z.B. kundenauftragsbezogene Bestellungen, Verbrauchssteuerung oder Kanban (auch eine Art der Verbrauchssteuerung).

Heute ist ja viel von Industrie 4.0 die Rede. Der erste Schritt: zunächst mal die „Basics“ in Ordnung bringen (s.o.). Wie Sie als nächstes eine Industrie 4.0 „Spielwiese“ entwickeln, will ich im nächsten Blog-Artikel skizzieren.