Der Absatz floriert, die Produktion brummt, die Geschäftsführung ist hoch zufrieden, nur die Damen und Herren der Supply Chain stöhnen still vor sich hin. Überlastete Lieferanten, ungeduldige Kunden und dazwischen interne Unzulänglichkeiten, die gerade jetzt besonders störend sind.
Aber nun ist Urlaubszeit. Wer im Büro seiner Arbeit nachgeht, dem bleibt mehr Zeit zum Nachdenken. Es finden weniger Besprechungen statt und die übliche Tageshektik läuft auf niedrigerem Niveau. Die ideale Gelegenheit, dem „Paradox des Suchens“ eine Chance zu geben. Was heißt das? Der Soziologe David Stark von der Columbia Universität New York formuliert es so: „when we don’t know what we’re looking for but will recognize it when we find it” (aus “The Sense of Dissonance”, 2009).
Das fällt aber nicht einfach vom Himmel; man muss also etwas nachhelfen. Wie könnte das funktionieren? Zunächst mal braucht es das klare Bewusstsein heutiger Defizite. Gerade in Zeiten des Aufschwungs wird sehr deutlich, wo es nicht rund läuft: zugesagte Termine werden nicht eingehalten, Bestände erhöhen sich, weil an anderer Stelle Teile- oder Kapazitätsengpässe Umplanungen nach sich ziehen, die Abläufe in der Disposition passen nicht mehr, etc.. Häufig wird um solche Schwächen herum improvisiert. Irgendwie können sich die Beteiligten gar nicht vorstellen, dass es auch ganz anders gehen könnte. Dieser stabile Zustand der Unzulänglichkeiten ist der größte Feind der Veränderung.
Im Handelsblatt vom 15. März 2010 („Auf der Suche nach dem Neuen“) stand der passende Hinweis darauf, wo die Lösung zu suchen ist: „Innovation entsteht nicht, wenn man Geld in neue Technik steckt. Die Quellen des Neuen liegen dort, wo Menschen sich nicht mehr einig sind.“ Das verbesserte ERP-System wird das Problem also nicht beseitigen. Kreative Unruhe zu stiften dagegen, scheint Erfolg versprechender zu sein. Beispiele dafür: Wo Führungskräfte wirken, die eher auf Sicherheit bedacht sind, auch mal einen weniger erfahrenen Machertypen ran lassen und ihm vielleicht einen allseits akzeptierten „alten Hasen“ zur Seite stellen. Oder allzu homogene Teams „aufmischen“, z.B. mit Mitarbeitern mit anderem kulturellen Hintergrund oder einem durchsetzungswilligen Neuen. Auch Berater können als konstruktive Ruhestörer agieren, idealerweise im Verbund mit einem Manager/in, der/die mit dieser Veränderung persönliche Ziele (im Sinne des Unternehmens) verbindet.
Natürlich ist es schwer, solche Veränderungen gerade jetzt anzugehen, wo es an allen Ecken drückt. Aber gibt es dafür wirklich bessere Zeiten? Die beste Zeit ist meist „jetzt“. Aufgeschobene Probleme tendieren dazu, größer zu werden. Wer jetzt mit zunächst kleineren Schritten, aber mit langem Atem startet, hat ab sofort die Chance zu finden, wonach sie/er so nie direkt gesucht hätte, was in der Rückschau jedoch als Glücksfall erscheinen könnte. Das Glück des Tüchtigen eben.

