Was hätte Platon den Logistikern geraten?
Vordergründig werden in Logistik und Supply Chain Management meist sachorientierte Probleme verhandelt. Globalisierung von Beschaffung, Produktion und Distribution. Optimierung von Verfügbarkeit und Kapitalbindung. Reduzierung von Lagerstufen oder generell von Aufwand. Lieferketten sind jedoch weit verzweigte Querschnittsprozesse mit vielen Beteiligten, die häufig unterschiedliche Interessen verfolgen und sich teilweise auch gar nicht kennen. Im Kern geht es um die Zusammenarbeit untereinander. Was im eigenen Unternehmen manchmal Mühe macht, bleibt über Firmen- und Kulturgrenzen hinweg erst recht an unterschätzten Stolpersteinen hängen. Dabei erscheinen die Maximen unseres Handelns immer sehr rational. Auch wenn manches eher kurzfristig und egoistisch motiviert ist oder wir mehr getrieben sind als frei agieren. Ein guter Grund, unser Wollen und Tun mal an einem anderen Maßstab zu spiegeln, den vier klassischen Tugenden (Platon): Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung.
Klugheit
Klugheit ist praktischer Verstand. Der Kluge versteht die Zusammenhänge und er blickt über den Tag hinaus. Im kurzfristigen Vorteil wittert er den Bumerang des langfristigen Schadens. Er erlebt die Dynamik in der Veränderung der Märkte nicht als dunkle Macht, sondern als Anstoß zu Innovation. So gestaltet er neue Prozesse, Strukturen und Spielregeln aus eigener Überzeugung und nicht im Sog vermeintlicher Trends. Nicht alleine, sondern als Dirigent im Netzwerk. Und auch nicht im Stillen, sondern im Dialog mit Mitarbeitern, Kunden und Partnern. Führen statt Dominieren heißt die Devise in komplexen Supply Chains, auch für den vordergründig überlegenen Akteur.
Gerechtigkeit
Der Gerechte sucht dabei den fairen Ausgleich der Interessen. Macht dient ihm dazu, klare Orientierungen für aktives Handeln zu entwickeln und durchzusetzen, nicht um Mitakteure zu unterwerfen oder auszubeuten. Gerecht ist letztlich, was sich im offenen Wettbewerb der Kräfte bewährt und auf lange Sicht vielen zum Vorteil gereicht. Also, lieber erfolgreicher Teilhaber an einer optimalen Supply Chain Gesamtlösung, als alleiniger Profiteur im eigenen mediokren Abschnitt der Lieferkette.
Tapferkeit
Ausgetretene Pfade verlassen und Neues mit Mut anpacken, das braucht die Courage des Tapferen, der sich nicht fürchtet, dem unreflektierten Zeitgeist die Stirn zu bieten. Der das tut, was die Klugheit erfordert, ohne sich vom Klein-klein-Karo partikulärer Kostenwächter oder lernresistenter Bewahrer aufhalten zu lassen. Eine mögliche Konsequenz? Nicht Outsourcen und Personalreduzieren zur Kernkompetenz entwickeln, sondern das Beherrschen kundenfokussierter Supply Chains.
Mäßigung
In der nüchternen Betrachtung ihrer Bedingungen werden Erfolge in der angemessenen Größe erlebt. Die innere „temperantia“ rät, die als richtig erkannte Strategie mit Augenmaß weiter zu folgen, ohne in Größenwahn zu verfallen. Misserfolge bedeuten nicht den Untergang, sondern sind Weckruf zum Umdenken. In der souveränen Balance von Leidenschaft, Engagement und Gelassenheit reicht die Kraft bis zum Erreichen des Ziels (und nicht nur bis zum nächsten Quartalsergebnis). Für Lieferketten gilt: wo sie auf Vertrauen fußen und sich zu Arbeitsgemeinschaften der verschiedenen Wertschöpfungspartner entwickeln, wächst auch die Kraft des Ganzen.
Alles schon bekannt? Stimmt. Dennoch ist es gut, sich hin und wieder bewusst darauf zu besinnen und nicht besinnungslos das Hamsterrad operativer Hektik zu drehen, weil wir ja ach so arg im Stress sind. Der auf lange Sicht Erfolgreiche ist eben klug, gerecht, tapfer und kennt das rechte Maß – auch im Umgang mit seiner eigenen Zeit. Gegenbeispiele bestätigen die Regel, sollten uns aber nicht entmutigen.
Schlagworte: Entscheidungen, Lieferkette, Logistik, Supply Chain, Tugenden
Mutiges Verlassen der bisherigen Pfade – das mach Lust auf mehr. Schöne Ostern.
Gerd
Eine sehr schöne Anregung und Anwendung ist das; und wie am Ende festgestellt: grundsätzlich Neues sind die Tugenden nicht. Sie einfach das ins Wort, was wir an anderen Menschen schätzen und deren Umgang wir suchen.
… und nun bin ich auf Weiteres gespannt.
Servus
Andreas