Internet Fans setzen auf Web 2.0 und erwarten nichts weniger als eine kleine Revolution im Kommunikationsverhalten und im Umgang mit Wissen. Läuft da nur ein neuer Hype oder steckt da Substanz für die reale Welt heutiger Lieferketten drin? Für den gestandenen Logistiker mag diese Frage noch ziemlich weit weg liegen; ich will dennoch eine Antwort versuchen:
- Web 2.0 Techniken machen Supply Chains „agiler“
Reaktionsschnelle Lieferketten leben von schlanken Strukturen, schnellen Informationsflüssen und hoher Aktualität. Neben der Verarbeitung von Planungs- oder Bestelldaten ist es wichtig zu verstehen, was hinter plötzlichen ansteigenden oder fallenden Bedarfsmengen steckt oder welche Ereignisse in diesen Daten möglicherweise noch gar nicht reflektiert sind. Eine große Rolle spielt dabei Vertrauen. Kann ich mich auf meine Geschäftspartner und deren Auskünfte tatsächlich verlassen? Wie gut verstehen sie, was in ihren eigenen Lieferanten passiert?Anders als Email, Telefon oder Fax erreicht ein Internet-Blog alle in einem Abschnitt der Supply Chain beteiligten Personen gleichzeitig und ermöglicht einen sehr transparenten Dialog. Wer z.B. als verantwortlicher Manager im Tagesgeschäft nicht aktiv mitmischt, kann sich schnell einen Überblick über den Stand der Dinge verschaffen und gezielt eingreifen. Blogs sind sehr viel effektiver als Email-Austausch. Allerdings muss der inhaltliche Rahmen klar abgesteckt sein und es sollten gewisse Spielregeln gelten – z.B. „Jeder Beitrag trägt zur Agilität der Lieferkette bei“. Wo Blogs zu umfangreich sind, kann man zu Microblogs wie Twitter übergehen und nur knappe Nachrichten und Kommentare verschicken. Zur unternehmensübergreifenden, gemeinsamen Bearbeitung von Projekten eignen sich Wikis. Ideenaustausch und Wissensaufbau sind wichtig, egal ob es um die Verbesserung von Prozessen geht oder um die Einführungsplanung für ein neues Produkt.
Alle diese Techniken, ob Wikis oder Blogs, sind dann besonders sinnvoll, wenn die Beteiligten weit entfernt arbeiten und sich eher selten treffen können. Nicht unterschätzen sollte man jedoch den Faktor Vertrauen als Basis jedes offenen Austauschs – und der braucht halt auch die persönliche Begegnung.
- Neue Möglichkeiten schaffen neue Risiken und Hemmnisse
Wissen ist Macht. Wie offen will ich mit meinen Erkenntnissen umgehen? Wo gewinne ich mehr als ich aufgebe, wenn ich meine Einsichten teile? Wie können wir uns als eingegrenzte Supply Chain „Community“ vor Missbrauch des gemeinsamen Wissens schützen?Der Umgang mit den Medien selbst ist ein Hemmschuh. Wer auch privat blogged und twittert tut sich leicht, nimmt es vielleicht aber mit dem inhaltlichen Tiefgang nicht so genau. Umgekehrt mag es dem erfahrenen Dispositionsleiter gehen. Die große Chance, viele Talente einzubinden, scheitert manchmal daran, dass wenige sich sehr aktiv beteiligen und viele nur als Zuschauer dabei sind. Hier ist ein Lernprozess nötig, der keine Quantensprünge fordert, sondern klein anfängt. - Anfangen lohnt sich – aber mit kleinen Schritten
Am besten, man sucht sich erst mal ein passendes Anliegen. Welche Aufgabe mittlerer Priorität kommt mit herkömmlichen Verfahren schleppend oder gar nicht voran? Wo ist es wichtig, viele Akteure mit unterschiedlichem Erfahrungshintergrund einzubinden? Wo ist das „Risiko“ für alle Beteiligten gering? Ein Thema mit dieser Charakteristik ist die Diskussion von Supply Chain Szenarien, z.B. in einem moderierten Blog: Wann und wie kommen wir aus der Absatzkrise? Welche Konsequenzen hat das für Produktion, Lieferanten und Vorlieferanten? Wie stellen wir uns heute am besten darauf ein? Welche Entscheidungen stehen an?Der Einstieg in Web 2.0 für SCM hat Charme auch in Krisenzeiten. Er kostet nicht viel Geld (vielleicht etwas professionelle Begleitung), braucht aber seine Zeit zum Erfahrungsaufbau. So bietet sich die Chance, in einigen Jahren über einen neuen Vorteil im Wettbewerb zu verfügen, der nicht so schnell kopierbar ist.


